FAZ 13.12.2025
18:54 Uhr

Reich-Ranicki-Platz: Endlich bekommt der  „Literaturpapst“ seinen Platz


Lange wurde über einen Reich-Ranicki-Platz in Frankfurt gestritten, nun ist er eingeweiht. Geehrt wird damit nicht nur Deutschlands wichtigster Literaturkritiker, sondern auch seine Frau Teofila.

Reich-Ranicki-Platz: Endlich bekommt der  „Literaturpapst“ seinen Platz

Wie es ihm selbst wohl gefallen hätte, dass dieser Platz in der Mitte des Frankfurter Stadtteils Dornbusch nun nach ihm und seiner Frau benannt wird? Hätte er es „großartig“ und „herrlich“ gefunden, so wie er etwa auch die Literatur von Thomas Mann beurteilte? Oder würde er es, so wie er es auch über manchen Roman und manches Gedicht sagte, „grässlich“ nennen? Schwer zu sagen. Was jedoch sicher ist: Sein Urteil wäre kein So-oder-so, kein Wischiwaschi und nichts Halbgares gewesen. Marcel Reich-Ranicki, Deutschlands 2013 verstorbener „Literaturpapst“, war um eine klare Kritik, ob himmelhochjauchzend oder vernichtend, nie verlegen. Ganz im Gegenteil: Sie war sein Markenzeichen, als Kritiker der „Zeit“, als Literaturchef der F.A.Z., als wortgewandter Gastgeber des „Literarischen Quartetts“ im ZDF. Mehr als zehn Jahre lang wurde über einen Reich-Ranicki-Platz in Frankfurt diskutiert. Ob die doch etwas triste Straßenecke, nicht weit entfernt von seinem früheren Wohnhaus in der Gustav-Freytag-Straße, würdig genug für solch ein Schwergewicht des Kulturlebens sei, daran hatten viele Zweifel. Dann kam die Idee auf, doch besser den weiten Platz vor dem Messegelände nach ihm zu benennen, weil Reich-Ranicki fraglos eine der prägendsten Figuren für die Frankfurter Buchmesse war – und wurde doch wieder verworfen. Aus Literaturkritik machte Reich-Ranicki „Popkultur“ Nun ist die Debatte vorbei: Am Samstagnachmittag ist der Reich-Ranicki-Platz mit einem Fest im Bürgerhaus Dornbusch eingeweiht worden. Nicht nur an ihn, den wohl bedeutendsten Literaturkritiker der deutschen Nachkriegszeit, soll der Platz fortan erinnern, sondern auch an seine Frau Teofila Reich-Ranicki, genannt Tosia. Es gab Kreppel, Glühwein und Brezeln, fünf Schüler traten mit kurzen Poetry-Slam-Stücken auf, die Stadtbücherei hatte einen Stand in einem roten Partyzelt aufgebaut. Und die Frankfurter Stadtverordnetenvorsteherin Hilime Arslaner (Die Grünen) schwärmte davon, dass es Reich-Ranicki gelungen war, aus intellektuellem Gedankengut „Popkultur“ zu machen. Der Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) erinnerte daran, dass das jüdische Paar, das die Schoa im Versteck bei einer polnischen Familie überlebt hatte, sich in Deutschland und Frankfurt lange nicht heimisch gefühlt hat. „Ich liebe Frankfurt nicht“, hatte Reich-Ranicki gesagt, als er 1997 die Ansprache beim Neujahrsempfang der Stadt hielt, fügte dann aber immerhin noch hinzu: „Man kann hier gut arbeiten.“ Als Kritiker war Reich-Ranicki ein  „Kämpfer und Draufgänger“ Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD), die selbst lange als Literaturkritikerin bei der „Frankfurter Rundschau“ arbeitete, bevor es sie in die Politik zog, erinnerte sich in ihrer Rede an einen Besuch bei den Reich-Ranickis in der Gustav-Freytag-Straße. Sie wollte mit Reich-Ranicki über die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann sprechen – und über eine damals heftig brodelnde Debatte über die NS-Vergangenheit einiger Autoren aus der Gruppe 47. Teofila nahm sie in Empfang, rauchend, im Kostüm, Hartwig bemerkte, dass das Paar miteinander Polnisch sprach. Die Begegnung habe sie „sehr berührt“, berichtete sie nun im Haus Dornbusch. Reich-Ranicki nahm sie als „neugierig, aber auch misstrauisch“ wahr. Er sei als Kritiker ein „Kämpfer und Draufgänger“ gewesen, „er war aber auch sehr verletzlich“. Oberbürgermeister Josef lobte, dass der für den Dornbusch zuständige Ortsbeirat entschieden hat, mit der Namensgebung sowohl Marcel wie auch Teofila Reich-Ranicki zu ehren. Teofila hatte lange als Illustratorin, Übersetzerin und Journalistin gearbeitet. Kennengelernt haben die beiden sich in Warschau. Teofilas Familie war dorthin nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen geflüchtet, die Nazis hatten den Vater enteignet. Im Januar 1940 nahm er sich das Leben. Helene Reich, die Mutter von Marcel, bat damals ihren Sohn, sich um Teofila zu kümmern. Noch am gleichen Tag wurden die beiden ein Paar.